Eine Lesung mit Emi

Ich darf heute verkünden, dass ich auf Einladung der UCM Trnava (eine der beiden Unis in Trnava) am 03.11.2016 dort eine Lesung halten werde. Wir werden uns querbeet mit einigen meiner Texten befassen, seien es nun beispielsweise Auszüge der beliebten Kolumne „Boarisch bassd“, Eindrücke meiner Zeit in Großbritannien („Mein Nordengland“) oder Einblicke in mein Leben als Mama (nachzulesen auf diesem Blog). Bis bald – až neskôr!

 

evamitbuch

 

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Wie wir unsere Eltern fast in den Wahnsinn trieben

Beflügelt aus der Glückseligkeit heraus, einen entspannten Abend plaudernd mit einer Freundin verbracht zu haben, meinte ich am nächsten Morgen, ausreichend Kräfte für einen Familienausflug in die nächste größere Stadt gesammelt zu haben – der Winterjackenkauf stand an.

Schon beim Frühstück wurde bedacht, die Kinder mit ausreichend Energie zu versorgen, damit sie sich nicht vor Schwäche der Anprobe entziehen konnten. Leider verschmähte die Große die Butterbreze, die extra von Papa beim Bäcker geholt und von Mama aufgeschnitten und bestrichen worden war, bis auf zwei kleine Bissen – kein Hunger. Die Kleine hingegen beschäftigte sich eifrig damit, Wurst- und Brotstückchen sorgfältig zu sortieren. Wurst in den kleinen Mund, Brot in hohem Bogen auf den Boden, und nach getaner Arbeit dann der gewohnte Versuch, sich unter größten Verrenkungen aus dem Hochstuhl zu befreien.

Doch noch war ich guten Mutes, denn diese morgendlichen Darbietungen sind nichts Neues. Wir nennen sie „Frühstücks-Show“. Wir verfrachteten also die beiden kleinen Damen ins Auto, und verstauten die außerdem erforderlichen Tonnen an Feuchttüchern, Windeln, Wechselkleidung, Brotzeit und dergleichen. Im Geschäft angekommen machte sich die Kleine sofort auf, alles zu erkunden. Während sie also durch die Gänge lief, der Papa ihr immer auf den Fersen, scannte ich hochkonzentriert die Winterjacken und konnte dank vorheriger gründlicher Online-Recherche meinen Favoriten vom Bügel nehmen und gleichzeitig die Große noch am Ärmel packen und zur Anprobe zwingen, BEVOR sie zum Kinderfernsehen abdampfen konnte. Gott sei Dank war die Jacke ein Volltreffer (Vorbereitung ist alles!), und die Große war in die Kinderecke entlassen. Vier Jacken später war auch die Kleine für den Winter gerüstet. Puh!

Im Rausch des Triumphes stürzten wir uns gleich noch einmal ins Getümmel; dieses Mal in ein Schuhgeschäft, denn: „Mama, meine Kindergartenhausschuhe zwicken mich immer!“ Dort gelang es mir, ihr die Hausschuhe mit dem aufgestickten Einhorn schmackhaft zu machen, bevor sie die zehn Euro teureren Sohle-blinkenden-Prinzessinnen-Hausschuh-Ungetüme überhaupt entdeckt hatte.

Vor lauter Erleichterung erlaubten wir ihr also, sich beim Fest auf dem Stadtplatz einen kostenlosen Luftballon abzuholen, der an der mitgereisten Barbie befestigt wurde, um sein Entschweben (und damit einhergehendes Geschrei) zu vermeiden. Dann ließen wir uns hinreißen, den Vorschlag der Großen, in eine Pizzeria zu gehen, auch anzunehmen.

Nach einigem Stühlerücken gelang es dem Wirt, Mama, Papa, Kind mit Barbie und Luftballon und Kind im Wagen unterzubringen. Essen und Getränke wurden bestellt, und wir besprachen den erfreulich effizient verlaufenen Einkauf. An dieser Stelle beschloss die Kleine, die (außer nächtens) fast immer pflegeleicht ist, ärgerlich, und vor allem sehr laut zu kreischen. Eilig gaben wir ihr einen für solche Fälle eingepackten Früchteriegel, den sie dann auch zufrieden und schnellstens verspeiste. Während die Pizzen serviert wurden, schluckte sie den letzten Bissen hinunter und nahm das Kreischen wieder auf. Winzige Probierstückchen der Pizza, die sie normalerweise mit Begeisterung essen würde, verweigerte sie dieses Mal. Auch die Breze warf sie ärgerlich in hohem Bogen weg – und unter unverändert lautem Kreischen. Dafür versuchte sie wieder aus dem Wagen zu klettern. Sie kam also zu mir auf die Bank, wo ich unter größten Mühen versuchte, sie festzuhalten, sie mit dem Luftballon der Schwester vom Kreischen abzulenken und nebenbei vielleicht auch noch selbst etwas zu essen. Zum Kreischen der Kleinen mischten sich nun auch noch die Mahnungen der Großen, ihren Ballon nicht kaputt zu machen, nicht steigen zu lassen, ja, am besten ihr sofort wieder auszuhändigen.

An ein gemütliches Essen war also nicht mehr zu denken, und so musste Plan B in Kraft treten. Der Papa schlang seine Pizza schnellstmöglich hinunter, um dann das kreischende Baby samt Wagen zu packen und draußen auf- und abzufahren. Mit gesunkenem Lärmpegel im Restaurant konnte ich mich wieder meiner Pizza widmen. Die Große war zwar beglückt, dass der Luftballon nun wieder in ihrer Obhut war, hatte sich aber inzwischen unbemerkt ihr Getränk komplett einverleiben können und stocherte nun in ihrer fast unberührten Pizza herum, die nicht mehr in den Magen passen wollte. Grummelnd versuchte ich das zu ignorieren und meine Pizza doch noch halbwegs in Ruhe zu essen. Da beschloss die Große, dass sie zwar keinen Hunger mehr hatte, aber immer noch Durst. Sie streckte die Hand nach meinem vollen Wasserglas aus… das daraufhin umfiel und sich komplett über meine Hose ergoss.

Zähne knirschend machten wir uns einen Putzlappen und ein hohes Trinkgeld später auf den Weg zum Parkplatz auf. Und als wir im Auto wie die Rohrspatzen über das verpatzte Essen schimpften, und einen Kontrollblick nach hinten warfen, bot sich uns folgendes Bild:  Die beiden Damen schliefen ganz ruhig und brav…

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(Foto: Mitterreiter-Dobray)

Wie alt ist eigentlich „alt“?

Die Zeit läuft so dahin. Unerbittlich, wenn man sie dringend bräuchte, zäh, wenn etwas unangenehm ist. Manchmal zerrinnt sie relativ unbemerkt. Aber, das ist nun einmal eine Tatsache, sie lässt sich nicht auf- oder anhalten, und wir werden alle älter.

Natürlich merkt man das an sich selbst. Vielleicht äußerlich, an Fältchen oder grauen Haaren. Vielleicht daran, dass sich die Umstände merklich ändern, dass man von der Studentenbude über die Dreizimmerwohnung dann zum Haus gekommen ist. Daran, dass man Kinder hat. Manchmal sind es aber auch Situationen im Alltag, in denen man merkt, dass der Zahn der Zeit an jedem, und auch an uns, nagt.

Mein Mann sprach zum Beispiel mit der Oberstufe über das Thema 9/11, und merkte ganz selbstverständlich an, dass eigentlich jeder Mensch sagen könne, wo er zu dem Zeitpunkt gerade war. Die Oberstufenschüler sahen ihn nur verständnislos an – sie waren „damals“ Babys und können sich natürlich an nichts erinnern. Wenn aber nun ein ganzes Teenagerleben zwischen jetzt und damals passt, dann ist es schon ziemlich lange her, auch wenn es sich nicht so anfühlt, stellte er einigermaßen entsetzt fest.

Mir erging es ähnlich, als ich mit unserer Großen im Schmuckgeschäft vorstellig wurde – sie wünschte sich Ohrlöcher und, damit verbunden, Ohrstecker. Zuerst hätte man ja die medizinischen Ohrstecker, die seien ja sehr schlicht, meinte ich. „Ja, früher einmal – heutzutage gibt es die auch in vielen Farben und Formen… bei Ihnen ist es ja auch schon länger her!“ antwortete die Dame, nachdem sie mich gemustert hatte. Na herzlichen Dank!

Ebenso schlimm war kürzlich ein Einkaufsbummel. Ich kann mich ja für viele Stile begeistern – ich finde Antikschmuck aus den 1920ern wunderschön, ich habe die Rocklänge der 1950er gerade für mich entdeckt, und so manche Frisur aus den 1970ern hat auch etwas. Aber beim Stöbern zwischen den Kleiderständern traf ich lauter alte Bekannte. Da fanden sich haufenweise Oberteile mit einer allenfalls dekorativen, aber ansonsten komplett nutzlosen Schnürung am Ausschnitt. Schlaghosen kommen wieder. Und der Abschuss waren die „Tatoo“-Ketten, die die Schaufensterpuppen am Hals hatten. Da traf es mich und meine Freundin wie ein Blitz: Die 90er sind wieder da! Und damit nun zum ersten Mal eine Mode-Dekade, die wir schon einmal mitgemacht haben. (Bewusst – die 80er-Mode wurde uns noch einfach angezogen, damals waren wir Kindergartenkinder.)

Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Die Tatoo-Ketten hatten wir damals aus der „Bravo“, und weil alle sie trugen, machte man sich über den tatsächlichen ästhetischen Wert nicht viele Gedanken. Meine karierte Latzhose, die ich 1997 in der 7. Klasse trug, war saubequem. Und die bauchfreien Oberteile waren für uns Teenager kein Problem. Heute aber raunt mir das Shirt im Geschäft lockend zu „Ich bin bauchfrei!“, und ich antworte „Aber ich bin jetzt Anfang dreißig!“ und hänge es zurück zu seinen Kollegen.

Bin ich alt, wenn es ich nun eine Modedekade das zweite Mal mitmache? Alt nicht, habe ich mich inzwischen getröstet. Einfach nicht mehr gaaaaanz so jung. Aber das macht nichts. Ich bin gern so alt wie ich jetzt bin.

Uhr

Emi, äh, Wolfi schreibt

Nach vieeeel zu langer Zeit (ich entschuldige mich aufrichtig und schiebe den Zeitmangel Malerprojekten, durchbrechenden Babyzähnen, und sprießendem Unkraut in die Schuhe) gibt es heute endlich wieder Neues!

Ich darf an dieser Stelle einen Gastbeitrag präsentieren, der von meinem Studienkollegen (lang lang ists her) Wolfram, von mir genannt Wolfi, verfasst wurde. Vorhang auf:

Von Straßenlaternen oder: wie man Licht ins Dunkel bringt.

Die Straße, in der ich wohne, gehört zu den schönsten der Stadt. Die Häuser in dieser Straße sind relativ klein und alt, die Straßen sind eher eng. Doch man hat vor einigen Jahren das Pflaster erneuert und auch neue Straßenlampen im Retrolook aufgestellt, Bäume gepflanzt und Schritt für Schritt werden aus den grauen, alten und teilweise halb verfallenen Häuschen schmucke und bunte Wohn- und Geschäftshäuser. So wirkt die Straße freundlich und lebendig, auch wenn sie eine ruhige Seitenstraße ist. Als ich vor einigen Tagen abends nach Hause ging, fiel mir auf, dass etwas anders war als sonst. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass es dunkler war als gewöhnlich. Nach ein paar Metern konnte ich auch gleich erkennen, warum. Auf dem Laternenpfahl, an dem ich gerade vorbeiging, fehlte die Lampe. Nun kommt es immer wieder mal vor, dass eine Straßenlampe ausfällt, aber dass der ganze Lampenkopf fehlt, das ist doch selten. „Hat den am Ende jemand geklaut?“ fragte ich mich. Ich ging weiter, schließlich war es noch ziemlich kalt und auch schon spät. Als ich auf die nächste Laterne zukam, wurde es langsam heller, leuchtend strahlte der Laternenkopf auf dem Lampenpfahl. Die Welt war wieder in Ordnung und so bescheunigte ich meinen Gang, auch weil ich wusste, dass ich nun nur noch wenige hundert Meter nach Hause hatte. Mit dem Licht im Rücken wurde es langsam wieder dunkel. Und es blieb dunkel, bis zu meiner Haustür, denn mit ungläubigem Blick musste ich feststellen, dass auch bei dieser Laterne wieder der gesamte Lampenkopf fehlte. Jetzt fiel mir auch auf, dass das obere Ende des Laternenpfahlt mit gelbem Klebeband umwickelt war. „Entweder waren das ordentliche Diebe oder es steckt wohl doch etwas anderes dahinter, “ dachte ich noch, bevor ich durch die Tür schlüpfte und mich eilig in meine schöne warme Wohnung verkroch. Zeit und Lust darüber nachzudenken, warum das so war, hatte ich an diesem Abend ohnehin nicht mehr.

In dieser Ncht schlief ich gut, denn anders als sonst schien nicht der Lichtstrahl der Laterne vor meinem Haus ins Schlafzimmerfenster. Das nahm ich aber gar nicht richtig wahr und bis zum nächsten Morgen hatte ich alles wieder vergessen. So machte ich mich fröhlich auf den Weg zur Uni. Dazu musste ich die Straße in die andere Richtung weitergehen. Und als ich den kopflosen Laternenmast vor meinem Haus traurig in die Luft ragen sah, erinnerte ich mich an meine Verwunderung vom letzten Abend. Auf dem Weg zur Uni stellte ich fest, dass offenbar in der gesamten Straße an jeder zweiten Lampe der Laternenkopf abmontiert und das Ende fein säuberlich mit gelbem Klebeband umwickelt worden war. Jeden Abend durfte ich also von diesem Tag an durch eine nur punktweise beleuchtete Straße nach Hause wandern, und das für etwa drei Wochen. Gestern nun die große Überraschung. Auf den kopflosen Masten saßen, wie von Geisterhand aufgesetzt, neue Lampenköpfe. Anders als die alten sind sie mit Klarglas versehen und leuchten darum besonders hell, ohne zu blenden.  Die neuen Lampen geben ihr Licht offenbar gezielt nach unten ab, weil auch die Lampe vor meinem Fenster nicht mehr den ganzen Raum ausleuchtet, so wie das früher der Fall war. Vermutlich wurden auch Energiesparlampen verwendet, sodass mehr Licht mit weniger Energie produziert wird. Insgesamt also eine gute Sache. Warum man aber erst einmal die Hälfte der Lampen abmontiert, die Leute dann drei Wochen lang durchs Halbdunkel laufen lässt, um dann viel hellere Lampen zu montieren, verstehe ich immer noch nicht. Aber vielleicht muss man ja nicht immer alles verstehen und in ein paar Monaten erinnert sich ohnehin kein Mensch mehr daran, dass für drei Wochen in dieser Straße ein paar Lampen kopflos dastanden.

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(Fotos: Wolfram Karg)

Der ganz normale Wahnsinn

Zwanzig Minuten machen manchmal den großen Unterschied. In zwanzig Minuten kann die Welt untergehen. Zumindest hier im Mama-Universum. Aufzeichnung des ganz normalen Wahnsinns…

13.05

Mein Mann ruft an. Er hat den Schultag überstanden und will nun den Heimweg antreten. Vorher fragt er noch an, wie es uns drei Damen ergangen ist. Die Große ist fröhlich und ohne Blessuren vom Kindergarten zurück, die Kleine hat am Vormittag ein bisschen geschlafen, und ich konnte somit zumindest ein bisschen ungestört im Haus werkeln. Waschmaschine und Spülmaschine laufen, das Mittagessen geht der Vollendung entgegen. Alles wunderbar, versichere ich ihm. Beruhigt fährt er los.

 

13.06

Das Baby fängt völlig unvermittelt an, wie am Spieß zu schreien. Die Große geht der Sache nach: „Maaaamaaaa, du musst sie wickeln!“

 

13.07

Das Mittagessen muss warten, alles wird ausgeschaltet. Kein Wunder, dass die Kleine brüllt: dank eines „Unfalls“ ist das Geschäft nicht nur in der Windel, sondern auch noch großzügig am Rücken verteilt. Selbstverständlich auch am Body und an der Strumpfhose und weiß Gott wo noch. Plan B tritt in Kraft: Das Baby muss SOFORT gebadet werden.

 

13.11

Die Große wird ins Kinderzimmer abkommandiert und muss Wechselkleidung und ein Handtuch holen, während ich die Babybadewanne vorbereite. Das Baby, vorläufig mit Feuchttüchern gesäubert, gluckst wieder fröhlich.

 

13.15

Alles ist bereit, das Baby kommt in die Badewanne. Leider hasst sie das Badewasser und brüllt wieder aus Leibeskräften. Der Versuch der Großen, sie mit einem Badespielzeug abzulenken, endet nur darin, dass ich auch komplett nass bin. Die Große trabt vorsichtshalber schnell wieder davon.

 

13.21

Das Expressbaden ist erledigt, die Kleine ist trocken, frisch angezogen und froh, dem Wasser entronnen zu sein. Sie fängt sofort an, ganz selig zu spielen. Die Große, der der „Mittagessenhunger“ wieder eingefallen ist, hat einstweilen eine Scheibe „Krickskracks“ (= Knäckebrot) geholt, und es geschafft, etwa die Hälfte davon zu essen. Der Rest liegt als Bröselspur auf dem Tisch, dem Stuhl und dem Boden. Na prima.

 

13.23

Die Brösel sind beseitigt, beide Kinder sitzen am Tisch, nun kann auch die Herdplatte wieder eingeschaltet werden. Lunch is on its way.

 

13.25

Der Papa, dem ja telefonisch gerade noch versichert wurde, dass alles in bester Ordnung ist, betritt das Haus. Die Kinder, in bester Laune, freuen sich ihn zu sehen. Er begrüßt auch mich, mustert mich von oben bis unten und fragt: „Warum bist du eigentlich total nass??“

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F.R.A.G.    N.I.C.H.T.   ! ! ! ! !

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KricksKracks

„Boarisch bassd“ feiert den zweiten Geburtstag!

Heute vor zwei Jahren, also ebenfalls am „Tag der Muttersprache“, fiel der Startschuss für meine OZ-Kolumne „Boarisch bassd“. Sage und schreibe 104 Artikel habe ich inzwischen über das Bairische verfasst. Unzählige LeserInnen haben mich inzwischen auf dem einen oder anderen Weg kontaktiert, um mir wertvolle Anregungen und auch viel Lob zukommen zu lassen, und mich gebeten, ja nicht mit der Kolumne aufzuhören! Ich verspreche also, dass ich weiter schreiben werde und weiterhin versuchen werde, die richtigen Anteile von Unterhaltsamkeit und fundierter Information zu treffen.

Angesichts des Jubiläums dachte ich mir, dass ein kleines „Prost“ angebracht sei, und habe nun endlich ein Fläschchen Sekt geköpft, das ich (ebenfalls vor zwei Jahren) bekommen habe – nämlich vom Personalrat eines Deggendorfer Gymnasiums, wo ich den Rest meines Referendariats nach der Elternzeit geleistet habe.

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(Foto: Mitterreiter-Dobray)

Prost also auf das längst vergangene Referendariat, Prost auf einen überstandenen Umzug, Prost auf die Geburt meiner zweiten Tochter und, natürlich, Prost auf „Boarisch bassd“! Auf dass mir noch viele zündende Ideen dazu kommen werden, die Ihnen, liebe Leser, hoffentlich weiterhin jeden Freitag Vergnügen bereiten.

Geheimnisvolles Elfenbein

Vor einiger Zeit habe ich (eigentlich wegen eines Wettbewerbs) einen Text zum Thema „Elfenbein“ verfasst. Die Protagonistin macht ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Elfenbein – aber lesen Sie selbst…

Elfenbein

„Scherben bringen Unglück“

Plötzlich war sie mit einem Mal wieder völlig nüchtern. Ihr Kopf dröhnte nicht mehr, aber das Herz schlug umso lauter. Mit einer kleinen, hektischen Bewegung schaltete sie das Autoradio wieder aus. So hatte sie das nicht vorgesehen! Würde ihr der Anhänger das Gegenteil dessen bringen, wofür sie ihn an sich angenommen hatte? Das konnte, nein, das durfte nicht sein. Hatte die Nachrichtenredaktion einen Fehler gemacht? Vielleicht hatte sie sich verhört?
Bisher war alles reibungslos gelaufen. Angetrieben von ein paar Gläsern Wein hatte sie endlich einen Plan umgesetzt, den sie schon vor einiger Zeit geschmiedet hatte. Vor zwei Jahren. Seit sie Robert kennen und lieben gelernt hatte – und er sie. Endlich hatte auch sie ein bisschen Glück gehabt. Hatte mit immerhin 36 Jahren einen liebevollen, vertrauenswürdigen und gutaussehenden Mann getroffen, der ihre Gefühle tatsächlich auch erwiderte. Der sie mochte! Sie! Eine Büroangestellte ohne große Ersparnisse, mit immer öfter auftauchenden grauen Haaren, weder übermäßig schön, witzig oder schlau. Obwohl die Hochzeit kurz vor der Tür stand, mochte sie ihrem Glück noch nicht recht trauen. Wenn er nun plötzlich wie aus einer Trance aufwachte und sich fragte, was er an ihr fand? Nein, sie musste präventiv tätig werden.
Ein Zeitungsartikel hatte sie darauf gebracht. Nur wenige Kilometer weiter, in Beerfelden, lebte er. Ein ältlicher Mann, verwitwet, der ganz in seinem Hobby aufging: eine stattliche Anzahl antiker Golfschläger konnte er sein eigen nennen. Im Text war auch die Rede von dem wertvollsten Stück seiner Sammlung, einem schottischen Golfschläger aus dem Jahre 1910, gefertigt aus verschiedenen Hölzern und einem Einsatz aus Elfenbein, von A. H. Scott. Trotzdem, so witzelte er im Artikel, hätte das außergewöhnlichste Stück Elfenbein in seinem Haus nicht ihm, sondern seiner geliebten verstorbenen Frau gehört, und ihr zu Ehren bewahre er es weiter auf, bis es nach seinem Tod an seinen Sohn gehe. Das Foto zeigte den Senioren mit dem Golfschläger in einer Hand und einer Kette mit Anhänger in der anderen Hand. Trotz der unscharfen Aufnahme und des körnigen Drucks durchfuhr sie augenblicklich eine Welle heißer Aufregung, denn sie hatte das Schmuckstück sofort erkannt.
Nach ein paar Gläsern Wein hatte sie gestern Abend ihren ganzen Mut zusammengenommen. Sie war nach Beerfelden gefahren, hatte ihr Auto etwas abseits des parkähnlichen Grundstücks des alten Mannes geparkt und war in der Dämmerung zum Haus gegangen. Noch war ihr nicht klar, wie sie es anstellen sollte, aber dann hatte ihr eine offene Verandatür die Entscheidung abgenommen.
Sie war vorsichtig in das Zimmer, das sich als Bibliothek herausstellte, geschlüpft. Das Nebenzimmer stellte sich glücklicherweise als „Hobbyraum“, wenn man das gediegen eingerichtete Zimmer so nennen konnte, heraus: in verschiedenen gläsernen Vitrinen befanden sich unzählige Golfschläger, Golfbälle und Trophäen. Im kleinsten Schaukasten lag nur ein Ausstellungsstück – die Kette mit dem Anhänger ihrer Begierde. Eine Staubschicht bewies, dass der Schmuck dem älteren Herrn nicht so wichtig war wie seine Golfutensilien; auch war der Kasten – anders als der Rest der Vitrinen – nicht mit einem Schloss versehen. Und so war es ja letztendlich nur richtig, wenn der Elfenbeinanhänger in Hände kam, die ihn mehr schätzen würden, oder? Die Kette konnte sie ihm sogar lassen; wenn sie sie schön drapiert in dem Glaskasten ließ, würde er den Verlust des Anhängers vielleicht gar nicht bemerken.
Leider war ihr dann der Alkohol, den sie intus hatte, in die Quere gekommen. Die Glasscheibe, die als Deckel des Schaukästchens fungierte, war ihren Fingern entglitten und zerschellte klirrend auf dem gefliesten Boden, ebenso wie eine Vase mit Blumen, die sie vom Tisch gestoßen hatte. Während sie noch hektisch den Anhänger von der Kette löste und einsteckte, hörte sie schon schlurfende Schritte nahen, und als sich die Türe öffnete und sie dem alten Mann für den Bruchteil einer Sekunde in die entsetzten Augen sah, floh sie mit einem Aufschrei in die Bibliothek und zurück nach draußen. Ein weiteres Klirren hatte ihre Flucht über den Rasen begleitet. Völlig außer Atem hatte sie schließlich ihr Auto erreicht und war aufs Geratewohl losgefahren.
Schließlich hatte sie sich ein Zimmer in einem Motel genommen, wo sie die restlichen Stunden der Nacht wach verbrachte. Sie hatte sich beruhigt. War stolz darauf, trotz des Weins das Auto so gut im Griff gehabt zu haben. Der alte Mann würde sich wieder fangen, immerhin hatte sie seine Golfutensilien nicht berührt. Er hatte sie nur so kurz gesehen, dass er niemals eine aussagekräftige Beschreibung von ihr geben konnte. Und überhaupt – sah sie nicht aus wie die Allerweltsfrau? Nicht groß, nicht klein, nicht dick, nicht dünn. Unsichtbar. Sie war unsichtbar.
Immer wieder hatte sie das geschnitzte Stück Elfenbein aus der Tasche gezogen, die filigranen Linien mit den Fingerspitzen nachgezeichnet, das schimmernde, kühle, elegante Material bewundert. Nun gehörte es ihr. Nun konnte ihrer Zukunft nichts mehr passieren. Sie würde immer mit Robert glücklich sein – so stand es im Buch.
In dem Buch, das sie vor vielen Jahren im Rahmen ihres Studiums gelesen hatte: „Macht und Mythos – Ungeklärte Kräfte des Elfenbeins“. Auch wenn sie ihr Studium wegen einer Verkettung schwieriger Umstände aufgeben hatte müssen, so sah sie doch eine Buchseite noch immer klar vor sich: ein uraltes schwarz-weißes Foto der Prinzessin von Sansibar in vollem Ornat. Neben Krone, Armbändern und Ringen fiel vor allem ein Stück auf: ein kunstvolles antikes Elfenbeinamulett, das sie an einer Kette um den Hals trug, und dem besondere Kräfte zugeschrieben wurden. Die dazugehörigen Textzeilen der betreffenden Seite konnte sie noch immer auswendig. Nun, viele Jahre nach dem Abbruch ihres Studiums, hatte sie recherchiert, dass das Schmuckstück auf verschlungenen Wegen im Laufe der Jahrzehnte in der Welt herumgekommen und schließlich in Deutschland gelandet war. Zuletzt also in Beerfelden.
Am Morgen hatte sie gefrühstückt, getankt und sich ins Auto gesetzt, um nach Hause zu fahren. Robert war über das Wochenende bei seinen Eltern zu Besuch gewesen und würde ebenfalls erst heute am Vormittag zurückkehren – ihre Abwesenheit war also von ihm unbemerkt. Die fröhliche Musik im Radio hatte gut zum Wetter gepasst. Sie war aufgeräumt. In wenigen Tagen würde sie Robert heiraten. Vielleicht war es noch nicht zu spät, um noch Kinder zu bekommen. Sie würden immer glücklich sein.
Und dann war die Meldung im Radio gekommen, und in ihr war eine Welt zusammengebrochen. „Gestern in den Abendstunden verschaffte sich jemand Zutritt zu einem Haus in Beerfelden. Wie die Polizei mitteilte, wurde augenscheinlich nur ein Gegenstand von geringem Wert entwendet. Der Hausbesitzer wurde mit Schnittwunden, die vermutlich von Scherben herrühren, und einer schweren Schädelverletzung tot am Boden gefunden. Es wird nun wegen Raub und Mord ermittelt.“
Mechanisch lenkte sie das Auto, fuhr automatisch weiter in Richtung ihrer Wohnung. Die verfluchte Blumenvase! Bestimmt war der alte Mann ausgerutscht und mit dem Kopf unglücklich gegen den Tisch oder insgesamt in eine seiner blöden Golfvitrinen gefallen. Nun war er tot!
Sie war kaum die letzte Kurve gefahren und in die Einfahrt eingebogen, als sie sie schon sah. Da stand Robert vor der Haustür, mit Entsetzen in den Augen, wild gestikulierend und diskutierend mit einigen Polizeibeamten. Und schon liefen sie auf sie zu, öffneten die Autotür und einer sagte forsch: „Heike Schäfer, wir verhaften Sie wegen des Verdachts des Raubes und Mordes an Harald Naumann.“
„Aber wie…?“ wagte sie zu fragen. „Am Tatort wurden ihre Fingerabdrücke gefunden, die bei uns gespeichert sind – wegen des Vorfalls in ihrer Studentenzeit – Sie wissen ja, wovon ich spreche…“
Sie war mit Handschellen in ein Polizeiauto verfrachtet worden und ohne eine Chance, mit Robert zu sprechen, fuhr dieses auch schon los. Während sie noch im Wegfahren dessen Blick auffing, der von seiner unendlichen Enttäuschung erzählte, las eine Stimme in ihrem Kopf vor: „Das antike Elfenbein-Amulett ist seit jeher für seine besonderen Kräfte bekannt, die ihm nachgesagt werden und die geheimnisvollerweise in der Vergangenheit auch immer zuzutreffen schienen. Die Trägerinnen sollen jeweils eine beispiellos glückliche Ehe geführt haben und mit Kindern gesegnet gewesen sein. Auch ein langes Leben war den meisten Besitzerinnen beschieden.“