Papsi kocht Fisch

Wenn es die Zeit erlaubt, erledigen wir den Einkauf am Samstagvormittag zusammen und fahren zum Markt. Mit Freude arbeitet man sich von Stand zu Stand, bis wir vor dem Fisch-Stand stehen. Mein Mann, von den Kindern und eigentlich auch allen anderen Familienmitgliedern und Freunden nur noch Papsi genannt, beschließt dann: Heute gibt es Fisch. Dazu muss man wissen: Zu Papsi Stärken zählen: singen und musizieren, Computerprobleme lösen, Gulasch kochen. Fisch zubereiten steht auf einem anderen Blatt. Und so ergibt sich mit schöner Regelmäßigkeit folgendes Szenario:

Schritt 1: Papsi kauft von der Hälfte des Haushaltsgelds so viel Fisch, dass er für die Verköstigung von mindestens vier Erwachsenen reichen würde. In unserer Familie leben derzeit: zwei Erwachsene, ein Grundschulkind und ein Kleinkind.

Schritt 2: Zuhause ankommen spurtet er in die Küche. Ergriffen von unbändiger Kochlust will er sich sofort der Zubereitung des Fischgerichts zu widmen. Ich versuche derweil, noch die restlichen Einkäufe in den Kühlschrank und die Speisekammer zu räumen, und dann noch schnell die Spülmaschine zu leeren, was unweigerlich zu sich ständig kreuzenden Wegen in der Küche führt. Einem Ballett gleich versuchen wir die räumlichen Konflikte zu umgehen. Als ich dann noch leere Joghurtbecher und Alufolie in den Keller bringen will, möchte ich mich vergewissern, ob sich die vorher beim Wertstoffhof geleerten Kisten schon wieder im Keller befinden. Papsi verneint. Aber jetzt will er kochen. Die Kisten will er gleich hernach aus dem Auto holen. Ich soll warten.

Schritt 3: Ich drehe mich um, hole die Kisten selbst und befördere sie in den Keller. Dann gehe ich wieder in Küche, um die leeren Joghurtbecher und die Alufolie zu holen und ihrer Bestimmung zuzuführen. Papsi verzieht die Mundwinkel.

Schritt 4: Inzwischen liegt das größte und schärfste Messer des Haushalts auf der Arbeitsfläche. Die Kinder, momentan offensichtlich unterfordert, veranstalten einen Lauf durchs Haus und die Kleine erreicht die Küche. Papsis Laune verdüstert sich nochmals und er  verweist die Unbefugte der Küche. Nun kommt die Große und macht Anstalten, sich die Hände waschen zu wollen. Papsi schreit markerschütternd, dass sich roher Fisch im Haus befindet und potentiell die ganze Küche kontaminiert sein könnte. Ich schiebe die Kinder ins Wohnzimmer.

Schritt 5: Voller Groll macht sich Papsi nun wirklich daran, den Fisch in die Pfanne zu legen. Er stellt aus Gartenkräutern eine wunderbare Soße her, übersieht aber dabei fast den Fisch, der sich an der Pfanne festsetzen will. Beim Wendeversuch beginnt der Fisch zu zerfallen. Vier Minuten vor Ende der Garzeit fallen Papsi die Kartoffeln ein, die er dazu servieren möchte und er wirft sie hektisch in einen Topf.

Schritt 6: Papsi ruft die Familie und delegiert das Decken des Tisches. Dann setzen wir uns auf unsere Plätze. Er verteilt den Fisch, der gerade noch aus einigermaßen zusammenhängenden Stücken besteht, und die Kartoffeln. Der Koch zerteilt sein Stück, beäugt es und flucht, weil es seiner Ansicht nach noch nicht ganz durch ist. Der Fisch wird wieder eingesammelt, die kontaminierten Teller müssen mit frischen Exemplaren ausgetauscht werden. Während Papsi wieder am Herd steht, versuchen wir, die weichsten Kartoffeln in der Schüssel ausfindig zu machen.

Schritt 7: Der Fisch ist gar und kann nun in seinem neuen Aggregatszustand, der mit Filets nichts mehr zu tun hat, serviert werden. Die Kleine, die auf dem Markt beim Metzger eine Wiener, am Obststand eine Banane und beim Bäcker eine Breze geschenkt bekommen und der Reihe nach verzehrt hat, verkündet: „Manda ned Hunger hat.“ Die Große beäugt die Kräutersoße und meint: „Papsi, des schmeckt mir irgendwie ned.“

Schritt 8: Papsi lässt sich lautstark über den Preis des Fisches, seine Mühe und den Zustand der Küche aus. Dann schickt er die Kinder zum Spielen. Erfreut machen sich die zwei vom Acker. Papsi probiert den Fisch und macht der Unzufriedenheit über seine eigenen mangelnden Fähigkeiten in der kulinarischen Bändigung von Fisch Luft.

Schritt 9: Der Seelenfrieden des restlichen Samstags hängt nun klarerweise von mir ab. Ich zerdrücke mit Mühe die Kartoffeln, ertränke sie in Kräutersoße, schiebe noch ein paar Fischfasern auf die Gabel, probiere beherzt und meine: „Naja, jetzt komm, is ja gar ned sooooo schlecht.“

Fisch

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

Ein Kommentar zu “Papsi kocht Fisch

  1. Pa sagt:

    Ja, dann, prost Mahlzeit!
    Aber,wahre Liebe ist:
    Augen zu und hinunterschlucken, auch wenn die Zähne dabei knirschen

    Gefällt mir

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