„Einleitung“

Und da waren wir also und erwarteten die Ankunft unseres ersten Kindes. Der errechnete Termin war immer wieder vor- und zurückgeschoben worden, als handle es sich um dabei um so etwas Lapidares wie einen Friseurbesuch, was aber niemanden außer mich zu beunruhigen schien.

Wir waren verständlicherweise nervös, weil wir nicht genau wussten, was uns erwarten würde, hatten uns aber gewissenhaft vorbereitet und praktisch alles, was an uns herangetragen worden war, abgearbeitet: Wir hatten im Geburtsvorbereitungskurs Atemübungen einstudiert und waren auf dem Gymnastikball herumgerollt. Wir hatten uns einer Kreißsaalführung angeschlossen, im Rahmen derer die hochschwangeren Besucherinnen die Contenance zu bewahren versucht hatten, während sich die männlichen Begleitpersonen mit kreidebleichen Gesichtern die technischen Spielereien erklären lassen hatten, das Ganze aber ganz deutlich als Luxushotel getarntes Folterzentrum eingestuft hatten. Und schon seit Wochen, darauf hatte der sicherheitsliebende Ehemann bestanden, stand die fertig gepackte Kliniktasche daheim neben der Türe, wenn wir auch befürchteten, dass uns die Realität fernab der auf der Checkliste vorgeschlagenen einzupackenden Spielereien wie „Lippenbalsam“, „Massageöl“ und „Entspannungs-CDs“ treffen würde.

Als die Frauenärztin dann also beschloss, dass es für unsere Tochter jetzt an der Zeit war, ihre warme Bauchwohnung zu verlassen, ob sie nun wollte oder nicht, wurden wir zur so genannten Einleitung der Geburt in die Klinik geschickt. Für uns als Lehrer bedeutete „Einleitung“ bisher „erster Teil“ einer Sache, meist eines Aufsatzes – ein Stückchen, das auf einen Hauptteil hinführt, interessant und informativ ist, und vor allem eins: knapp. Noch wussten wir nicht, dass wir dieses Konzept später revidieren sollten…

Mit Sack und Pack und leichten Wehen zogen wir also am Morgen in ein Wehenzimmer ein. Es sah recht nett aus, hatte neben einem Bett auch noch eine rote Ledercouch, einen Tisch mit Getränken und einen sehr schönen Ausblick. Doch bald sollte es seinem Namen „Wehenzimmer“ auch gerecht werden: Eine Tablette, die die Wehen verstärken sollte, schlug sehr schnell wie eine Bombe ein. Unter großen Schmerzen verbrachte ich also den Vormittag. Die im TV übertragene Hochzeit von William und Kate, auf die ich mich als England-Liebhaberin schon ewig gefreut hatte, bekam ich nur so am Rande zwischen den Wehen mit, der Spaßfaktor belief sich etwa auf null, was auch daran lag, dass sich das Gebrüll aus dem Wehenzimmer nebenan als ziemliche Ablenkung von der zarten Romantik der beiden jungen Verliebten erwies.

Der am Nachmittag empfohlene „Spaziergang“ in den Besuchergarten der Klinik wurde zur Tortur, die mir viele irritierte Blicke einbrachte, da ich ja nun alle paar Minuten von einer Wehe überrollt wurde, mich gekrümmt wahlweise am Ehemann oder einem Geländer festhielt und irgendwann nicht mehr genau wusste, wie ich den Weg zurück ins Wehenzimmer schaffen sollte. Viele Schmerzen und Stunden später zeigte sich abends, dass der Muttermund von den künstlich erzeugten Wehen ziemlich unbeeindruckt war und sich unsere Tochter noch Zeit ließ.

Es folgte eine Nacht, in der an Schlaf auch nicht zu denken war, da die Abstände zwischen den Wehen klarerweise zu kurz waren, um zur Ruhe zu kommen. Mit tiefen Augenringen begrüßten wir den neuen Tag in echt gerädertem Zustand. Der Muttermund, der sich den Wehen weiterhin voller Heimtücke widersetzt hatte, sorgte für maßlose Frustration.

Wir wurden in den Kreißsaal verlegt, wo eine Strategie erarbeitet wurde, die den Prozess beschleunigen sollte. Noch stärkere, ebenfalls künstlich erzeugte Wehen sollten Muttermund und das Baby endlich zur Kooperation zwingen, eine PDA sollte mir aber nichtsdestotrotz zumindest eine kleine Verschnaufpause ermöglichen. Als mein Mann feststellte, dass es sich bei PDA eben nicht um einen kleinen tragbaren Computer namens „Personal Digital Computer“ handelte, sondern um eine Periduralanästhesie, eine rückenmarksnahe Regionalanästhesie, bei der mit einer Kanüle in der Größe einer Häkelnadel hantiert wird, wollte er sich schon in eine Ohnmacht verabschieden.

Später fühlte ich den unteren Teil meines Körpers nicht mehr, und hatte damit auch eine kurze Pause von den Schmerzen, die die nun noch stärkeren künstlichen Wehen mit sich gebracht hätten. Und obwohl sich der Muttermund irgendwann gegen Mittag geschlagen gab, machte unsere Tochter immer noch keine Anstalten, ihre gemütliche Wohnung zu verlassen.

Auch die inzwischen wieder abgesetzte PDA (Willkommen zurück, Wehenschmerz!) brachte uns außer Gebrüll und Flüchen meinerseits dem Kennenlernen unserer Tochter kein Stückchen näher. Ich mühte mich bis zur totalen Erschöpfung ab, und schließlich kam das medizinische Team auf eine glorreiche Idee: Zwei Leute kraxelten in mein Bett und versuchten, mich wie eine Tube Zahnpasta auszudrücken. Neben dem nicht unwesentlichem Schmerz der Wehen taten nun noch meine Rippen und mein Magen weh, doch der erhoffte Effekt blieb aus – unsere Tochter war nach wie vor völlig unbeeindruckt in meinem Bauch, den sie ganz offensichtlich freiwillig auch nicht zu verlassen gedachte.

Das erkannte dann auch die Ärztin, die uns eröffnete, dass nun ein Kaiserschnitt gemacht werden würde. Es brach eine Hektik wie in einem Bienenstock aus, selbstverständlich musste ich trotzdem, völlig entkräftet und mitten in einer Wehe, meinen immerhin achtzehn Buchstaben umfassenden Nachnamen auf einen Vertrag zittern und einwilligen, dass ich sämtliche etwaigen körperlichen Schwierigkeiten gerne in Kauf nehmen würde – so viel Zeit musste sein.

Und da war ich dann, hatte all die Monate auf gefühlt hundert Lebensmittel und Getränke verzichtet, hatte immer wieder Tests und Blutabnahmen über mich ergehen lassen müssen, hatte Übelkeit, Wadenkrämpfe, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und was der Geier noch alles aushalten müssen, hatte fast 48 Stunden schlimmster Wehen ertragen, lag wie gekreuzigt und außerdem in der Mitte aufgeschnitten vor dem Operateur, und durfte mir dann den ersten Kommentar über meine Tochter anhören, bevor sie zur U1 weggetragen wurde:

„Ganz wie der Papa!“

Und ich schwöre bei Gott, in dem Moment erkannte ich den wahren Grund, warum die frisch gebackenen Mütter am OP-Tisch FESTGEBUNDEN werden…

 

EMI_und_EMI

Ganz eindeutig: Wie der Papa!

(Foto: Dobray)

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