Manda und der Fitzer

Hellauf begeistert kam die Große an einem stinknormalen Wochentag von der Schule nach Hause. Sie freute sich unbändig auf den bevorstehenden Kindergeburtstag bei einer Freundin. Mir war die Aussicht, ein paar Stunden lang statt zwei nur ein Kind zu bändigen, zwar nicht unrecht, allerdings war mir klar, dass trotzdem Hausaufgaben anstanden.

Der Masterplan sah also folgendermaßen aus: Entgegen besseren Wissens musste ein Teil der Hausaufgabe direkt nach dem Mittagessen (Hallo Mittagstief!) erledigt werden, und zwar am besten der größere Teil. Der Rest sollte am Abend im Anschluss an die Feier gemacht werden.

Einige Zahlenhäuser und Leseübungen später wurde die Große also beglückt bei der Freundin abgesetzt, während die Kleine und ich einen relativ ruhigen Nachmittag verbrachten. Das für halb sechs angesetzte Ende der Party betrachteten die jungen Damen jedoch nur als Richtwert, und da auch alle anderen Gäste noch anwesend waren, sollte ich ihrer Meinung nach noch ein bisschen ratschen. Die Kleine bekam derweil noch eine Würstel-Semmel in die Hand gedrückt und stürzte sich zunächst ebenfalls ins Getümmel, und kurz darauf zweimal hintereinander auf den gepflasterten Hof.

Ein Machtwort später saßen also ein kleines brüllendes und ein etwas größeres und aufgedrehtes Kind im Auto, heimwärts. The husband, der zwei Stunden vorher „nur kurz zum Baumarkt“ wollte, war bei unserer Ankunft zuhause selbstverständlich noch nicht wieder zurück. Hervorragend.

Die  Große war also mit Müh und Not dazu bewegt worden, ihre Materialien auf den Küchentisch zu legen und dann beauftragt worden, ein Kissen zu holen, damit sie mit mehr als der Nasenspitze oberhalb des Tisches sein würde. Diese zwei Sekunden nutzte die Kleine dazu, mit einem gefüllten Glas in der Hand ebenfalls auf einen Stuhl zu klettern und den Inhalt des Glases schwungvoll über den Tisch zu schütten. Ich konnte das Schulmaterial gerade noch an mich reißen, die Überschwemmung auf Tisch und Boden war allerdings nicht mehr aufzuhalten.

In „bester“ Laune saßen wir schließlich am wieder trockenen Tisch: ich, Zähne knirschend, die Große, in Gedanken immer noch auf der Party, und die Kleine, die sich standhaft weigerte, sich ins Wohnzimmer zu begeben und zu spielen. Denn: Amanda, die sich selbst „Manda“ nennt, hat es sich momentan zur Lebensaufgabe gemacht, ihrer großen Schwester jeden Gesichtsausdruck, jedes Wort und jede Tat nachzumachen – und somit stand für sie fest: „Manda Dausaufdaben macha!“

Um inzwischen 18.17 Uhr wurde dann endlich „M“ um „m“ in Druckschrift aufs Papier gezittert, wobei sich das „Mitgebsel“ von der Party und die kleine Schwester, die nach den Schulstiften gierte, als große Ablenkungen erwiesen. Da sich der Baumarktbesucher immer noch nicht blicken ließ und Mandas Gekreische nach dem roten Stift immer lauter wurde, bekam sie (zwar unter Protest der Großen) schließlich das gewünschte Schreibgerät.

„Geht nimmer“, beschloss die Kleine nach eingehender Untersuchung des Holzstifts. Und während die Große und ich uns nun darauf konzentrierten, „Mama“ und „Mimi“ aufs Papier zu bringen, und dabei auch die Zeilen zu treffen, ergatterte die Kleine unbemerkt das Mäppchen, schaffte es, den „Seißvasuss“ zu öffnen, das gesuchte Objekt zu entnehmen und dann das in ihren Augen einzig Sinnvolle und Notwendige zu tun.

Während die Große den letzten Buchstaben der Hausaufgabe fabrizierte, erscholl es vom anderen Ende des Tisches vergnügt: „Fitzer hab i!“, bevor eben dieser, selbstverständlich zum Bersten gefüllt, aus den kleinen Händen rutschte, hinunter polterte, sich dort von selbst öffnete und den kompletten Inhalt an „Spitzer-Abfall“ mit einer eleganten Welle großzügig über den gesamten Küchenboden verteilte.

„Manda war i ned“, befand die Kleine, verzog sich schnellstens ins Wohnzimmer und gab keinen Mucks mehr von sich. „Bin oben“, verkündete die Große und verschwand ebenfalls blitzschnell.

Und während der Fitzer und ich in der plötzlich so ruhig gewordenen Küche sind, er kurz nach seiner Explosion und ich kurz vor meiner, öffnet sich in dieser Sekunde die Haustür, und ein vertrautes Gesicht, entspannt und glückselig nach einem ausgedehnten Besuch im Baumarkt fragt: „Is was?“

 

Fitzer

(Szene nachgestellt. Das Foto wird dem tatsächlichen Ausmaß an Chaos in keinster Weise gerecht…)

Foto: Mitterreiter-Dobray

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

2 Kommentare zu “Manda und der Fitzer

  1. Dagmar sagt:

    Herrlich!! Zwar habe ich weder Kinder noch Enkel, aber Freundinnen und Cousinen, bei denen ich ähnliche Szenen miterleben durfte … 😉
    Wie wäre es, wenn Emi solche Geschichten sammelt und einen „Erzählband“ herausgeben würde?

    Gefällt mir

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