Wie wir unsere Eltern fast in den Wahnsinn trieben

Beflügelt aus der Glückseligkeit heraus, einen entspannten Abend plaudernd mit einer Freundin verbracht zu haben, meinte ich am nächsten Morgen, ausreichend Kräfte für einen Familienausflug in die nächste größere Stadt gesammelt zu haben – der Winterjackenkauf stand an.

Schon beim Frühstück wurde bedacht, die Kinder mit ausreichend Energie zu versorgen, damit sie sich nicht vor Schwäche der Anprobe entziehen konnten. Leider verschmähte die Große die Butterbreze, die extra von Papa beim Bäcker geholt und von Mama aufgeschnitten und bestrichen worden war, bis auf zwei kleine Bissen – kein Hunger. Die Kleine hingegen beschäftigte sich eifrig damit, Wurst- und Brotstückchen sorgfältig zu sortieren. Wurst in den kleinen Mund, Brot in hohem Bogen auf den Boden, und nach getaner Arbeit dann der gewohnte Versuch, sich unter größten Verrenkungen aus dem Hochstuhl zu befreien.

Doch noch war ich guten Mutes, denn diese morgendlichen Darbietungen sind nichts Neues. Wir nennen sie „Frühstücks-Show“. Wir verfrachteten also die beiden kleinen Damen ins Auto, und verstauten die außerdem erforderlichen Tonnen an Feuchttüchern, Windeln, Wechselkleidung, Brotzeit und dergleichen. Im Geschäft angekommen machte sich die Kleine sofort auf, alles zu erkunden. Während sie also durch die Gänge lief, der Papa ihr immer auf den Fersen, scannte ich hochkonzentriert die Winterjacken und konnte dank vorheriger gründlicher Online-Recherche meinen Favoriten vom Bügel nehmen und gleichzeitig die Große noch am Ärmel packen und zur Anprobe zwingen, BEVOR sie zum Kinderfernsehen abdampfen konnte. Gott sei Dank war die Jacke ein Volltreffer (Vorbereitung ist alles!), und die Große war in die Kinderecke entlassen. Vier Jacken später war auch die Kleine für den Winter gerüstet. Puh!

Im Rausch des Triumphes stürzten wir uns gleich noch einmal ins Getümmel; dieses Mal in ein Schuhgeschäft, denn: „Mama, meine Kindergartenhausschuhe zwicken mich immer!“ Dort gelang es mir, ihr die Hausschuhe mit dem aufgestickten Einhorn schmackhaft zu machen, bevor sie die zehn Euro teureren Sohle-blinkenden-Prinzessinnen-Hausschuh-Ungetüme überhaupt entdeckt hatte.

Vor lauter Erleichterung erlaubten wir ihr also, sich beim Fest auf dem Stadtplatz einen kostenlosen Luftballon abzuholen, der an der mitgereisten Barbie befestigt wurde, um sein Entschweben (und damit einhergehendes Geschrei) zu vermeiden. Dann ließen wir uns hinreißen, den Vorschlag der Großen, in eine Pizzeria zu gehen, auch anzunehmen.

Nach einigem Stühlerücken gelang es dem Wirt, Mama, Papa, Kind mit Barbie und Luftballon und Kind im Wagen unterzubringen. Essen und Getränke wurden bestellt, und wir besprachen den erfreulich effizient verlaufenen Einkauf. An dieser Stelle beschloss die Kleine, die (außer nächtens) fast immer pflegeleicht ist, ärgerlich, und vor allem sehr laut zu kreischen. Eilig gaben wir ihr einen für solche Fälle eingepackten Früchteriegel, den sie dann auch zufrieden und schnellstens verspeiste. Während die Pizzen serviert wurden, schluckte sie den letzten Bissen hinunter und nahm das Kreischen wieder auf. Winzige Probierstückchen der Pizza, die sie normalerweise mit Begeisterung essen würde, verweigerte sie dieses Mal. Auch die Breze warf sie ärgerlich in hohem Bogen weg – und unter unverändert lautem Kreischen. Dafür versuchte sie wieder aus dem Wagen zu klettern. Sie kam also zu mir auf die Bank, wo ich unter größten Mühen versuchte, sie festzuhalten, sie mit dem Luftballon der Schwester vom Kreischen abzulenken und nebenbei vielleicht auch noch selbst etwas zu essen. Zum Kreischen der Kleinen mischten sich nun auch noch die Mahnungen der Großen, ihren Ballon nicht kaputt zu machen, nicht steigen zu lassen, ja, am besten ihr sofort wieder auszuhändigen.

An ein gemütliches Essen war also nicht mehr zu denken, und so musste Plan B in Kraft treten. Der Papa schlang seine Pizza schnellstmöglich hinunter, um dann das kreischende Baby samt Wagen zu packen und draußen auf- und abzufahren. Mit gesunkenem Lärmpegel im Restaurant konnte ich mich wieder meiner Pizza widmen. Die Große war zwar beglückt, dass der Luftballon nun wieder in ihrer Obhut war, hatte sich aber inzwischen unbemerkt ihr Getränk komplett einverleiben können und stocherte nun in ihrer fast unberührten Pizza herum, die nicht mehr in den Magen passen wollte. Grummelnd versuchte ich das zu ignorieren und meine Pizza doch noch halbwegs in Ruhe zu essen. Da beschloss die Große, dass sie zwar keinen Hunger mehr hatte, aber immer noch Durst. Sie streckte die Hand nach meinem vollen Wasserglas aus… das daraufhin umfiel und sich komplett über meine Hose ergoss.

Zähne knirschend machten wir uns einen Putzlappen und ein hohes Trinkgeld später auf den Weg zum Parkplatz auf. Und als wir im Auto wie die Rohrspatzen über das verpatzte Essen schimpften, und einen Kontrollblick nach hinten warfen, bot sich uns folgendes Bild:  Die beiden Damen schliefen ganz ruhig und brav…

pizza

(Foto: Mitterreiter-Dobray)

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