Wie alt ist eigentlich „alt“?

Die Zeit läuft so dahin. Unerbittlich, wenn man sie dringend bräuchte, zäh, wenn etwas unangenehm ist. Manchmal zerrinnt sie relativ unbemerkt. Aber, das ist nun einmal eine Tatsache, sie lässt sich nicht auf- oder anhalten, und wir werden alle älter.

Natürlich merkt man das an sich selbst. Vielleicht äußerlich, an Fältchen oder grauen Haaren. Vielleicht daran, dass sich die Umstände merklich ändern, dass man von der Studentenbude über die Dreizimmerwohnung dann zum Haus gekommen ist. Daran, dass man Kinder hat. Manchmal sind es aber auch Situationen im Alltag, in denen man merkt, dass der Zahn der Zeit an jedem, und auch an uns, nagt.

Mein Mann sprach zum Beispiel mit der Oberstufe über das Thema 9/11, und merkte ganz selbstverständlich an, dass eigentlich jeder Mensch sagen könne, wo er zu dem Zeitpunkt gerade war. Die Oberstufenschüler sahen ihn nur verständnislos an – sie waren „damals“ Babys und können sich natürlich an nichts erinnern. Wenn aber nun ein ganzes Teenagerleben zwischen jetzt und damals passt, dann ist es schon ziemlich lange her, auch wenn es sich nicht so anfühlt, stellte er einigermaßen entsetzt fest.

Mir erging es ähnlich, als ich mit unserer Großen im Schmuckgeschäft vorstellig wurde – sie wünschte sich Ohrlöcher und, damit verbunden, Ohrstecker. Zuerst hätte man ja die medizinischen Ohrstecker, die seien ja sehr schlicht, meinte ich. „Ja, früher einmal – heutzutage gibt es die auch in vielen Farben und Formen… bei Ihnen ist es ja auch schon länger her!“ antwortete die Dame, nachdem sie mich gemustert hatte. Na herzlichen Dank!

Ebenso schlimm war kürzlich ein Einkaufsbummel. Ich kann mich ja für viele Stile begeistern – ich finde Antikschmuck aus den 1920ern wunderschön, ich habe die Rocklänge der 1950er gerade für mich entdeckt, und so manche Frisur aus den 1970ern hat auch etwas. Aber beim Stöbern zwischen den Kleiderständern traf ich lauter alte Bekannte. Da fanden sich haufenweise Oberteile mit einer allenfalls dekorativen, aber ansonsten komplett nutzlosen Schnürung am Ausschnitt. Schlaghosen kommen wieder. Und der Abschuss waren die „Tatoo“-Ketten, die die Schaufensterpuppen am Hals hatten. Da traf es mich und meine Freundin wie ein Blitz: Die 90er sind wieder da! Und damit nun zum ersten Mal eine Mode-Dekade, die wir schon einmal mitgemacht haben. (Bewusst – die 80er-Mode wurde uns noch einfach angezogen, damals waren wir Kindergartenkinder.)

Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Die Tatoo-Ketten hatten wir damals aus der „Bravo“, und weil alle sie trugen, machte man sich über den tatsächlichen ästhetischen Wert nicht viele Gedanken. Meine karierte Latzhose, die ich 1997 in der 7. Klasse trug, war saubequem. Und die bauchfreien Oberteile waren für uns Teenager kein Problem. Heute aber raunt mir das Shirt im Geschäft lockend zu „Ich bin bauchfrei!“, und ich antworte „Aber ich bin jetzt Anfang dreißig!“ und hänge es zurück zu seinen Kollegen.

Bin ich alt, wenn es ich nun eine Modedekade das zweite Mal mitmache? Alt nicht, habe ich mich inzwischen getröstet. Einfach nicht mehr gaaaaanz so jung. Aber das macht nichts. Ich bin gern so alt wie ich jetzt bin.

Uhr

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s