Geheimnisvolles Elfenbein

Vor einiger Zeit habe ich (eigentlich wegen eines Wettbewerbs) einen Text zum Thema „Elfenbein“ verfasst. Die Protagonistin macht ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Elfenbein – aber lesen Sie selbst…

Elfenbein

„Scherben bringen Unglück“

Plötzlich war sie mit einem Mal wieder völlig nüchtern. Ihr Kopf dröhnte nicht mehr, aber das Herz schlug umso lauter. Mit einer kleinen, hektischen Bewegung schaltete sie das Autoradio wieder aus. So hatte sie das nicht vorgesehen! Würde ihr der Anhänger das Gegenteil dessen bringen, wofür sie ihn an sich angenommen hatte? Das konnte, nein, das durfte nicht sein. Hatte die Nachrichtenredaktion einen Fehler gemacht? Vielleicht hatte sie sich verhört?
Bisher war alles reibungslos gelaufen. Angetrieben von ein paar Gläsern Wein hatte sie endlich einen Plan umgesetzt, den sie schon vor einiger Zeit geschmiedet hatte. Vor zwei Jahren. Seit sie Robert kennen und lieben gelernt hatte – und er sie. Endlich hatte auch sie ein bisschen Glück gehabt. Hatte mit immerhin 36 Jahren einen liebevollen, vertrauenswürdigen und gutaussehenden Mann getroffen, der ihre Gefühle tatsächlich auch erwiderte. Der sie mochte! Sie! Eine Büroangestellte ohne große Ersparnisse, mit immer öfter auftauchenden grauen Haaren, weder übermäßig schön, witzig oder schlau. Obwohl die Hochzeit kurz vor der Tür stand, mochte sie ihrem Glück noch nicht recht trauen. Wenn er nun plötzlich wie aus einer Trance aufwachte und sich fragte, was er an ihr fand? Nein, sie musste präventiv tätig werden.
Ein Zeitungsartikel hatte sie darauf gebracht. Nur wenige Kilometer weiter, in Beerfelden, lebte er. Ein ältlicher Mann, verwitwet, der ganz in seinem Hobby aufging: eine stattliche Anzahl antiker Golfschläger konnte er sein eigen nennen. Im Text war auch die Rede von dem wertvollsten Stück seiner Sammlung, einem schottischen Golfschläger aus dem Jahre 1910, gefertigt aus verschiedenen Hölzern und einem Einsatz aus Elfenbein, von A. H. Scott. Trotzdem, so witzelte er im Artikel, hätte das außergewöhnlichste Stück Elfenbein in seinem Haus nicht ihm, sondern seiner geliebten verstorbenen Frau gehört, und ihr zu Ehren bewahre er es weiter auf, bis es nach seinem Tod an seinen Sohn gehe. Das Foto zeigte den Senioren mit dem Golfschläger in einer Hand und einer Kette mit Anhänger in der anderen Hand. Trotz der unscharfen Aufnahme und des körnigen Drucks durchfuhr sie augenblicklich eine Welle heißer Aufregung, denn sie hatte das Schmuckstück sofort erkannt.
Nach ein paar Gläsern Wein hatte sie gestern Abend ihren ganzen Mut zusammengenommen. Sie war nach Beerfelden gefahren, hatte ihr Auto etwas abseits des parkähnlichen Grundstücks des alten Mannes geparkt und war in der Dämmerung zum Haus gegangen. Noch war ihr nicht klar, wie sie es anstellen sollte, aber dann hatte ihr eine offene Verandatür die Entscheidung abgenommen.
Sie war vorsichtig in das Zimmer, das sich als Bibliothek herausstellte, geschlüpft. Das Nebenzimmer stellte sich glücklicherweise als „Hobbyraum“, wenn man das gediegen eingerichtete Zimmer so nennen konnte, heraus: in verschiedenen gläsernen Vitrinen befanden sich unzählige Golfschläger, Golfbälle und Trophäen. Im kleinsten Schaukasten lag nur ein Ausstellungsstück – die Kette mit dem Anhänger ihrer Begierde. Eine Staubschicht bewies, dass der Schmuck dem älteren Herrn nicht so wichtig war wie seine Golfutensilien; auch war der Kasten – anders als der Rest der Vitrinen – nicht mit einem Schloss versehen. Und so war es ja letztendlich nur richtig, wenn der Elfenbeinanhänger in Hände kam, die ihn mehr schätzen würden, oder? Die Kette konnte sie ihm sogar lassen; wenn sie sie schön drapiert in dem Glaskasten ließ, würde er den Verlust des Anhängers vielleicht gar nicht bemerken.
Leider war ihr dann der Alkohol, den sie intus hatte, in die Quere gekommen. Die Glasscheibe, die als Deckel des Schaukästchens fungierte, war ihren Fingern entglitten und zerschellte klirrend auf dem gefliesten Boden, ebenso wie eine Vase mit Blumen, die sie vom Tisch gestoßen hatte. Während sie noch hektisch den Anhänger von der Kette löste und einsteckte, hörte sie schon schlurfende Schritte nahen, und als sich die Türe öffnete und sie dem alten Mann für den Bruchteil einer Sekunde in die entsetzten Augen sah, floh sie mit einem Aufschrei in die Bibliothek und zurück nach draußen. Ein weiteres Klirren hatte ihre Flucht über den Rasen begleitet. Völlig außer Atem hatte sie schließlich ihr Auto erreicht und war aufs Geratewohl losgefahren.
Schließlich hatte sie sich ein Zimmer in einem Motel genommen, wo sie die restlichen Stunden der Nacht wach verbrachte. Sie hatte sich beruhigt. War stolz darauf, trotz des Weins das Auto so gut im Griff gehabt zu haben. Der alte Mann würde sich wieder fangen, immerhin hatte sie seine Golfutensilien nicht berührt. Er hatte sie nur so kurz gesehen, dass er niemals eine aussagekräftige Beschreibung von ihr geben konnte. Und überhaupt – sah sie nicht aus wie die Allerweltsfrau? Nicht groß, nicht klein, nicht dick, nicht dünn. Unsichtbar. Sie war unsichtbar.
Immer wieder hatte sie das geschnitzte Stück Elfenbein aus der Tasche gezogen, die filigranen Linien mit den Fingerspitzen nachgezeichnet, das schimmernde, kühle, elegante Material bewundert. Nun gehörte es ihr. Nun konnte ihrer Zukunft nichts mehr passieren. Sie würde immer mit Robert glücklich sein – so stand es im Buch.
In dem Buch, das sie vor vielen Jahren im Rahmen ihres Studiums gelesen hatte: „Macht und Mythos – Ungeklärte Kräfte des Elfenbeins“. Auch wenn sie ihr Studium wegen einer Verkettung schwieriger Umstände aufgeben hatte müssen, so sah sie doch eine Buchseite noch immer klar vor sich: ein uraltes schwarz-weißes Foto der Prinzessin von Sansibar in vollem Ornat. Neben Krone, Armbändern und Ringen fiel vor allem ein Stück auf: ein kunstvolles antikes Elfenbeinamulett, das sie an einer Kette um den Hals trug, und dem besondere Kräfte zugeschrieben wurden. Die dazugehörigen Textzeilen der betreffenden Seite konnte sie noch immer auswendig. Nun, viele Jahre nach dem Abbruch ihres Studiums, hatte sie recherchiert, dass das Schmuckstück auf verschlungenen Wegen im Laufe der Jahrzehnte in der Welt herumgekommen und schließlich in Deutschland gelandet war. Zuletzt also in Beerfelden.
Am Morgen hatte sie gefrühstückt, getankt und sich ins Auto gesetzt, um nach Hause zu fahren. Robert war über das Wochenende bei seinen Eltern zu Besuch gewesen und würde ebenfalls erst heute am Vormittag zurückkehren – ihre Abwesenheit war also von ihm unbemerkt. Die fröhliche Musik im Radio hatte gut zum Wetter gepasst. Sie war aufgeräumt. In wenigen Tagen würde sie Robert heiraten. Vielleicht war es noch nicht zu spät, um noch Kinder zu bekommen. Sie würden immer glücklich sein.
Und dann war die Meldung im Radio gekommen, und in ihr war eine Welt zusammengebrochen. „Gestern in den Abendstunden verschaffte sich jemand Zutritt zu einem Haus in Beerfelden. Wie die Polizei mitteilte, wurde augenscheinlich nur ein Gegenstand von geringem Wert entwendet. Der Hausbesitzer wurde mit Schnittwunden, die vermutlich von Scherben herrühren, und einer schweren Schädelverletzung tot am Boden gefunden. Es wird nun wegen Raub und Mord ermittelt.“
Mechanisch lenkte sie das Auto, fuhr automatisch weiter in Richtung ihrer Wohnung. Die verfluchte Blumenvase! Bestimmt war der alte Mann ausgerutscht und mit dem Kopf unglücklich gegen den Tisch oder insgesamt in eine seiner blöden Golfvitrinen gefallen. Nun war er tot!
Sie war kaum die letzte Kurve gefahren und in die Einfahrt eingebogen, als sie sie schon sah. Da stand Robert vor der Haustür, mit Entsetzen in den Augen, wild gestikulierend und diskutierend mit einigen Polizeibeamten. Und schon liefen sie auf sie zu, öffneten die Autotür und einer sagte forsch: „Heike Schäfer, wir verhaften Sie wegen des Verdachts des Raubes und Mordes an Harald Naumann.“
„Aber wie…?“ wagte sie zu fragen. „Am Tatort wurden ihre Fingerabdrücke gefunden, die bei uns gespeichert sind – wegen des Vorfalls in ihrer Studentenzeit – Sie wissen ja, wovon ich spreche…“
Sie war mit Handschellen in ein Polizeiauto verfrachtet worden und ohne eine Chance, mit Robert zu sprechen, fuhr dieses auch schon los. Während sie noch im Wegfahren dessen Blick auffing, der von seiner unendlichen Enttäuschung erzählte, las eine Stimme in ihrem Kopf vor: „Das antike Elfenbein-Amulett ist seit jeher für seine besonderen Kräfte bekannt, die ihm nachgesagt werden und die geheimnisvollerweise in der Vergangenheit auch immer zuzutreffen schienen. Die Trägerinnen sollen jeweils eine beispiellos glückliche Ehe geführt haben und mit Kindern gesegnet gewesen sein. Auch ein langes Leben war den meisten Besitzerinnen beschieden.“

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

2 Kommentare zu “Geheimnisvolles Elfenbein

  1. Schober Dagmar sagt:

    Spannend und toll geschrieben! Da kann ich Sie nur bewundern, mir fehlt solche Fantasie gänzlich … Und was kam beim Wettbewerb raus????

    LG Dagmar

    Gefällt mir

    • emischreibt sagt:

      Vielen Dank für das Lob, das freut mich wirklich sehr! Leider habe ich nicht gewonnen, vielleicht hätte noch mehr Elfenbein vorkommen müssen…? Das macht aber nichts und wird mich nicht davon abhalten, weiter zu schreiben… Emi schreibt halt einfach gern. 😉

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s