Emi liest…am 28.05. in Osterhofen!

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Papa verlässt das Haus — Mama verlässt das Haus

Wenn der Papa am Morgen das Haus verlässt: Er geht er in den Flur, zieht Schuhe und Jacke an, nimmt Schlüssel und Tasche, macht die Tür auf und geht hinaus.

Wenn die Mama am Morgen das Haus verlässt: Ich sage den Kindern, dass ihre Frisuren nun passen (letzte Amtshandlung im Haus) und wir jetzt zur Bushaltestelle gehen müssen. Die Große sprintet zur Treppe. Ich rufe sie zurück, damit sie das Licht in ihrem Zimmer ausschaltet. Sie sprintet zurück und rempelt dabei die Kleine an. Die Kleine beschwert sich lauthals, ich beschwichtige sie und gehe zur Treppe. Die Große hat das Licht in ihrem Zimmer ausgeschaltet, sprintet wieder daher und überholt mich mit einem gefährlichen Manöver auf der Treppe. Inzwischen hat die Kleine einen winzigen schwarzen Flusen auf der zweiten Stufe gesehen und schreit entsetzt „Spinne! Da is a Spinne! Du musst mi tragen!!!“ Mein Widerspruch, dass es sich nicht um eine Spinne handelt, lässt sie völlig kalt, und ich muss wieder die Treppe hinauf, um die Kleine zu holen.

Nun sind wir endlich alle im Flur. Die Große hat ihren zeitlichen Vorsprung dazu genutzt, drei Spielzeuge aus dem Wohnzimmer zu holen und in die Schultasche zu stopfen: „Die kommen heute mit!“ Ich widerspreche vehement und entferne die Spielzeuge wieder. Ich hole die Winterjacke der Kleinen aus dem Schrank und will sie ihr anziehen, doch als ich mich umdrehe, sehe ich sie gerade noch auf der Treppe um die Ecke biegen: „Babypuppe!!!“ Da es ja nun doch sein könnte, dass es die Große, ihr leuchtendes Vorbild, schafft, ein Spielzeug aus dem Haus zu schmuggeln, will sie mithalten können, folglich muss die Babypuppe mit! Der Flusen ist ihr nun egal, und sie verschwindet mit einem Affenzahn in Richtung des oberen Stockwerks. Ich beauftrage die Große damit, selbstständig Schal, Mütze und Jacke anzuziehen und jage der Kleinen nach. Als Babypuppe, Kleinkind und Mama wieder unten im Flur sind, steht die Große angezogen da. Allerdings hat sie die Mütze ganz offensichtlich falsch herum aufgesetzt und der Schal schlenkert lässig (und ziemlich sinnlos) außen herum. Schuhe? Sind überbewertet! Also schnell der Großen die Mütze heruntergerissen und richtig wieder aufgesetzt, den Schal entfernt, die Jacke aufgemacht, den Schal möglichst wärmend um den Hals drapiert und den Reißverschluss der Jacke wieder zugezogen. Mit einem letzten Befehl, nämlich Schuhe anzuziehen, drehe ich mich wieder zu der Kleinen um. Sie hat derweil ihre Winterstiefel angezogen, allerdings leider verkehrt herum. Dieses Malheur muss also zügig behoben werden. „Selber!!!“ schimpft sie, aber es hilft alles nichts. Schnell noch Schal, Mützchen und Jacke angezogen! Ein Kontrollblick auf die Große zeigt, dass sie ihre Turnschuhe angezogen hat. Im Schneetreiben eher suboptimal. „DEINE WINTERSTIEFEL!!!“ Gegenargumente ihrerseits werden von mir beiseite gewischt, während ich hektisch nun endlich selbst in meine Jacke und Schuhe springen kann. Nun gellt ein Wutschrei durch den Flur: Die Kleine will die Babypuppe in die Jackentasche stecken, was aber an inkompatiblen Größenverhältnissen scheitern muss. Ich beschwichtige, schnalle derweil der Großen den Schulranzen auf den Rücken, hole den Schlüssel und sperre die Türe auf. Die Große weicht etwas zurück, hat aber den Schulranzen nicht einkalkuliert und rempelt damit die Kleine an, die sich lautstark beschwert. Die beiden gehen durch die Tür, ich folge ihnen, sperre ab. „Babypuppe!!!“ und „Turnbeutel!!!“ schallen mir entgegen, und ich sperre die Türe wieder auf, galoppiere durch den Flur, reiße Babypuppe und Turnbeutel an mich, galoppiere zurück und VERLASSE NUN ENDLICH AUCH DAS HAUS!

Papsi kocht Fisch

Wenn es die Zeit erlaubt, erledigen wir den Einkauf am Samstagvormittag zusammen und fahren zum Markt. Mit Freude arbeitet man sich von Stand zu Stand, bis wir vor dem Fisch-Stand stehen. Mein Mann, von den Kindern und eigentlich auch allen anderen Familienmitgliedern und Freunden nur noch Papsi genannt, beschließt dann: Heute gibt es Fisch. Dazu muss man wissen: Zu Papsi Stärken zählen: singen und musizieren, Computerprobleme lösen, Gulasch kochen. Fisch zubereiten steht auf einem anderen Blatt. Und so ergibt sich mit schöner Regelmäßigkeit folgendes Szenario:

Schritt 1: Papsi kauft von der Hälfte des Haushaltsgelds so viel Fisch, dass er für die Verköstigung von mindestens vier Erwachsenen reichen würde. In unserer Familie leben derzeit: zwei Erwachsene, ein Grundschulkind und ein Kleinkind.

Schritt 2: Zuhause ankommen spurtet er in die Küche. Ergriffen von unbändiger Kochlust will er sich sofort der Zubereitung des Fischgerichts zu widmen. Ich versuche derweil, noch die restlichen Einkäufe in den Kühlschrank und die Speisekammer zu räumen, und dann noch schnell die Spülmaschine zu leeren, was unweigerlich zu sich ständig kreuzenden Wegen in der Küche führt. Einem Ballett gleich versuchen wir die räumlichen Konflikte zu umgehen. Als ich dann noch leere Joghurtbecher und Alufolie in den Keller bringen will, möchte ich mich vergewissern, ob sich die vorher beim Wertstoffhof geleerten Kisten schon wieder im Keller befinden. Papsi verneint. Aber jetzt will er kochen. Die Kisten will er gleich hernach aus dem Auto holen. Ich soll warten.

Schritt 3: Ich drehe mich um, hole die Kisten selbst und befördere sie in den Keller. Dann gehe ich wieder in Küche, um die leeren Joghurtbecher und die Alufolie zu holen und ihrer Bestimmung zuzuführen. Papsi verzieht die Mundwinkel.

Schritt 4: Inzwischen liegt das größte und schärfste Messer des Haushalts auf der Arbeitsfläche. Die Kinder, momentan offensichtlich unterfordert, veranstalten einen Lauf durchs Haus und die Kleine erreicht die Küche. Papsis Laune verdüstert sich nochmals und er  verweist die Unbefugte der Küche. Nun kommt die Große und macht Anstalten, sich die Hände waschen zu wollen. Papsi schreit markerschütternd, dass sich roher Fisch im Haus befindet und potentiell die ganze Küche kontaminiert sein könnte. Ich schiebe die Kinder ins Wohnzimmer.

Schritt 5: Voller Groll macht sich Papsi nun wirklich daran, den Fisch in die Pfanne zu legen. Er stellt aus Gartenkräutern eine wunderbare Soße her, übersieht aber dabei fast den Fisch, der sich an der Pfanne festsetzen will. Beim Wendeversuch beginnt der Fisch zu zerfallen. Vier Minuten vor Ende der Garzeit fallen Papsi die Kartoffeln ein, die er dazu servieren möchte und er wirft sie hektisch in einen Topf.

Schritt 6: Papsi ruft die Familie und delegiert das Decken des Tisches. Dann setzen wir uns auf unsere Plätze. Er verteilt den Fisch, der gerade noch aus einigermaßen zusammenhängenden Stücken besteht, und die Kartoffeln. Der Koch zerteilt sein Stück, beäugt es und flucht, weil es seiner Ansicht nach noch nicht ganz durch ist. Der Fisch wird wieder eingesammelt, die kontaminierten Teller müssen mit frischen Exemplaren ausgetauscht werden. Während Papsi wieder am Herd steht, versuchen wir, die weichsten Kartoffeln in der Schüssel ausfindig zu machen.

Schritt 7: Der Fisch ist gar und kann nun in seinem neuen Aggregatszustand, der mit Filets nichts mehr zu tun hat, serviert werden. Die Kleine, die auf dem Markt beim Metzger eine Wiener, am Obststand eine Banane und beim Bäcker eine Breze geschenkt bekommen und der Reihe nach verzehrt hat, verkündet: „Manda ned Hunger hat.“ Die Große beäugt die Kräutersoße und meint: „Papsi, des schmeckt mir irgendwie ned.“

Schritt 8: Papsi lässt sich lautstark über den Preis des Fisches, seine Mühe und den Zustand der Küche aus. Dann schickt er die Kinder zum Spielen. Erfreut machen sich die zwei vom Acker. Papsi probiert den Fisch und macht der Unzufriedenheit über seine eigenen mangelnden Fähigkeiten in der kulinarischen Bändigung von Fisch Luft.

Schritt 9: Der Seelenfrieden des restlichen Samstags hängt nun klarerweise von mir ab. Ich zerdrücke mit Mühe die Kartoffeln, ertränke sie in Kräutersoße, schiebe noch ein paar Fischfasern auf die Gabel, probiere beherzt und meine: „Naja, jetzt komm, is ja gar ned sooooo schlecht.“

Fisch

Der Vortag

Wie es nun so einmal üblich ist, beschloss der Wasserdruckmesser im Keller genau am Vorabend des 23.12. den Geist aufzugeben. Er lief also zunächst innen voll, und begann dann damit, sekündlich einen dicken Wassertropfen auf den Kellerboden fallen zu lassen. Immerhin war ich durch die Weihnachtsvorbereitungen immer wieder treppauf und treppab unterwegs, und bemerkte den sich ausbreitenden See noch bevor er einen Kollateralschaden anrichten konnte.

Glücklicher- und netterweise half uns unser Vermieter am Morgen des 23.12., die Geräte zu reparieren. Die Kinder waren derweil ins Obergeschoss verfrachtet worden, wo tonnenweise Spielzeug in zwei Kinderzimmern die beiden in der Zwischenzeit beschäftigt halten sollte. Allerdings beschlossen die zwei Kleinen, sich ausgerechnet eine Schneekugel zum wilden Spiel auszusuchen, welche prompt – man kann es sich schon ausmalen – im Gerangel auf den Fliesen zerbarst. Es folgten tausende von Splittern, dermaßen gut verteilte Glitzerschneeflocken, dass sie den Haushalt bestimmt nie wieder komplett verlassen werden und selbstverständlich viele Tränen und noch mehr Gebrüll. Wir liefen also von der eben behobenen Baustelle im Keller hinauf in den ersten Stock und versuchten uns dort in Schadensbegrenzung.

Zum Mittagessen waren die Kinder ermahnt worden, sich gesittet zu verhalten, sodass alle das Essen genießen können würden. Leider hatte es das Schicksal versäumt, auch der Versicherung Bescheid zu sagen. Passend vor dem ersten Bissen öffneten wir noch schnell die soeben eingetrudelte Post, und trotz unzähliger Mails und Anrufe der letzten Wochen wies der Versicherungsschein klarerweise nicht die Komponenten auf, die wir beantragt hatten. Und so sah sich mein Mann gezwungen, die Vertrags-Hotline in den letzten Minuten ihrer diesjährigen Arbeitszeit zu bemühen. Das Mittagessen wurde kalt.

Am Nachmittag war der Nachbarskater zu Besuch, dem es draußen offensichtlich zu kalt war. Nach einer Streicheleinheit suchte er sich ein ruhiges Plätzchen. Dieses Plätzchen stellte sich als das nur selten genutzte im englischen Stil gehaltene Speisezimmer heraus, wo er sich nach nur einem kurzen und jämmerlichen „Miau“ neben die Löwentatzen des Esstisches erbrach.

Und gerade als ich am Abend dachte, ich hätte den Tag überstanden, und meine Jüngste gemütlich auf meinem Schoß saß, wunderte sie sich, wofür die Metallkappen am Ende der Zierbänder meines Kapuzenpullis gut waren. Die Größenverhältnisse der Metallkappe und meines Nasenloches erschienen ihr wohl kompatibel, und so rammte sie die Metallkappe kurzentschlossen in das Nasenloch. Mit Blut habe ich kein Problem. Allerdings nur so lange es dort bleibt, wo es hingehört: innen! Nach einem kurzen Ausflug in die Horizontale war ich dann wiederhergestellt und kann nur hoffen, dass sich für Heiligabend bewahrheitet, was man in der Musikszene gern sagt: Nur wenn die Generalprobe richtig chaotisch war, klappt das Konzert wunderbar.

Frohe Weihnachten! Hoffentlich.

Band

Das Runde muss ins Eckige?

(Foto: Mitterreiter-Dobray)

„Einleitung“

Und da waren wir also und erwarteten die Ankunft unseres ersten Kindes. Der errechnete Termin war immer wieder vor- und zurückgeschoben worden, als handle es sich um dabei um so etwas Lapidares wie einen Friseurbesuch, was aber niemanden außer mich zu beunruhigen schien.

Wir waren verständlicherweise nervös, weil wir nicht genau wussten, was uns erwarten würde, hatten uns aber gewissenhaft vorbereitet und praktisch alles, was an uns herangetragen worden war, abgearbeitet: Wir hatten im Geburtsvorbereitungskurs Atemübungen einstudiert und waren auf dem Gymnastikball herumgerollt. Wir hatten uns einer Kreißsaalführung angeschlossen, im Rahmen derer die hochschwangeren Besucherinnen die Contenance zu bewahren versucht hatten, während sich die männlichen Begleitpersonen mit kreidebleichen Gesichtern die technischen Spielereien erklären lassen hatten, das Ganze aber ganz deutlich als Luxushotel getarntes Folterzentrum eingestuft hatten. Und schon seit Wochen, darauf hatte der sicherheitsliebende Ehemann bestanden, stand die fertig gepackte Kliniktasche daheim neben der Türe, wenn wir auch befürchteten, dass uns die Realität fernab der auf der Checkliste vorgeschlagenen einzupackenden Spielereien wie „Lippenbalsam“, „Massageöl“ und „Entspannungs-CDs“ treffen würde.

Als die Frauenärztin dann also beschloss, dass es für unsere Tochter jetzt an der Zeit war, ihre warme Bauchwohnung zu verlassen, ob sie nun wollte oder nicht, wurden wir zur so genannten Einleitung der Geburt in die Klinik geschickt. Für uns als Lehrer bedeutete „Einleitung“ bisher „erster Teil“ einer Sache, meist eines Aufsatzes – ein Stückchen, das auf einen Hauptteil hinführt, interessant und informativ ist, und vor allem eins: knapp. Noch wussten wir nicht, dass wir dieses Konzept später revidieren sollten…

Mit Sack und Pack und leichten Wehen zogen wir also am Morgen in ein Wehenzimmer ein. Es sah recht nett aus, hatte neben einem Bett auch noch eine rote Ledercouch, einen Tisch mit Getränken und einen sehr schönen Ausblick. Doch bald sollte es seinem Namen „Wehenzimmer“ auch gerecht werden: Eine Tablette, die die Wehen verstärken sollte, schlug sehr schnell wie eine Bombe ein. Unter großen Schmerzen verbrachte ich also den Vormittag. Die im TV übertragene Hochzeit von William und Kate, auf die ich mich als England-Liebhaberin schon ewig gefreut hatte, bekam ich nur so am Rande zwischen den Wehen mit, der Spaßfaktor belief sich etwa auf null, was auch daran lag, dass sich das Gebrüll aus dem Wehenzimmer nebenan als ziemliche Ablenkung von der zarten Romantik der beiden jungen Verliebten erwies.

Der am Nachmittag empfohlene „Spaziergang“ in den Besuchergarten der Klinik wurde zur Tortur, die mir viele irritierte Blicke einbrachte, da ich ja nun alle paar Minuten von einer Wehe überrollt wurde, mich gekrümmt wahlweise am Ehemann oder einem Geländer festhielt und irgendwann nicht mehr genau wusste, wie ich den Weg zurück ins Wehenzimmer schaffen sollte. Viele Schmerzen und Stunden später zeigte sich abends, dass der Muttermund von den künstlich erzeugten Wehen ziemlich unbeeindruckt war und sich unsere Tochter noch Zeit ließ.

Es folgte eine Nacht, in der an Schlaf auch nicht zu denken war, da die Abstände zwischen den Wehen klarerweise zu kurz waren, um zur Ruhe zu kommen. Mit tiefen Augenringen begrüßten wir den neuen Tag in echt gerädertem Zustand. Der Muttermund, der sich den Wehen weiterhin voller Heimtücke widersetzt hatte, sorgte für maßlose Frustration.

Wir wurden in den Kreißsaal verlegt, wo eine Strategie erarbeitet wurde, die den Prozess beschleunigen sollte. Noch stärkere, ebenfalls künstlich erzeugte Wehen sollten Muttermund und das Baby endlich zur Kooperation zwingen, eine PDA sollte mir aber nichtsdestotrotz zumindest eine kleine Verschnaufpause ermöglichen. Als mein Mann feststellte, dass es sich bei PDA eben nicht um einen kleinen tragbaren Computer namens „Personal Digital Computer“ handelte, sondern um eine Periduralanästhesie, eine rückenmarksnahe Regionalanästhesie, bei der mit einer Kanüle in der Größe einer Häkelnadel hantiert wird, wollte er sich schon in eine Ohnmacht verabschieden.

Später fühlte ich den unteren Teil meines Körpers nicht mehr, und hatte damit auch eine kurze Pause von den Schmerzen, die die nun noch stärkeren künstlichen Wehen mit sich gebracht hätten. Und obwohl sich der Muttermund irgendwann gegen Mittag geschlagen gab, machte unsere Tochter immer noch keine Anstalten, ihre gemütliche Wohnung zu verlassen.

Auch die inzwischen wieder abgesetzte PDA (Willkommen zurück, Wehenschmerz!) brachte uns außer Gebrüll und Flüchen meinerseits dem Kennenlernen unserer Tochter kein Stückchen näher. Ich mühte mich bis zur totalen Erschöpfung ab, und schließlich kam das medizinische Team auf eine glorreiche Idee: Zwei Leute kraxelten in mein Bett und versuchten, mich wie eine Tube Zahnpasta auszudrücken. Neben dem nicht unwesentlichem Schmerz der Wehen taten nun noch meine Rippen und mein Magen weh, doch der erhoffte Effekt blieb aus – unsere Tochter war nach wie vor völlig unbeeindruckt in meinem Bauch, den sie ganz offensichtlich freiwillig auch nicht zu verlassen gedachte.

Das erkannte dann auch die Ärztin, die uns eröffnete, dass nun ein Kaiserschnitt gemacht werden würde. Es brach eine Hektik wie in einem Bienenstock aus, selbstverständlich musste ich trotzdem, völlig entkräftet und mitten in einer Wehe, meinen immerhin achtzehn Buchstaben umfassenden Nachnamen auf einen Vertrag zittern und einwilligen, dass ich sämtliche etwaigen körperlichen Schwierigkeiten gerne in Kauf nehmen würde – so viel Zeit musste sein.

Und da war ich dann, hatte all die Monate auf gefühlt hundert Lebensmittel und Getränke verzichtet, hatte immer wieder Tests und Blutabnahmen über mich ergehen lassen müssen, hatte Übelkeit, Wadenkrämpfe, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und was der Geier noch alles aushalten müssen, hatte fast 48 Stunden schlimmster Wehen ertragen, lag wie gekreuzigt und außerdem in der Mitte aufgeschnitten vor dem Operateur, und durfte mir dann den ersten Kommentar über meine Tochter anhören, bevor sie zur U1 weggetragen wurde:

„Ganz wie der Papa!“

Und ich schwöre bei Gott, in dem Moment erkannte ich den wahren Grund, warum die frisch gebackenen Mütter am OP-Tisch FESTGEBUNDEN werden…

 

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Ganz eindeutig: Wie der Papa!

(Foto: Dobray)

Manda und der Fitzer

Hellauf begeistert kam die Große an einem stinknormalen Wochentag von der Schule nach Hause. Sie freute sich unbändig auf den bevorstehenden Kindergeburtstag bei einer Freundin. Mir war die Aussicht, ein paar Stunden lang statt zwei nur ein Kind zu bändigen, zwar nicht unrecht, allerdings war mir klar, dass trotzdem Hausaufgaben anstanden.

Der Masterplan sah also folgendermaßen aus: Entgegen besseren Wissens musste ein Teil der Hausaufgabe direkt nach dem Mittagessen (Hallo Mittagstief!) erledigt werden, und zwar am besten der größere Teil. Der Rest sollte am Abend im Anschluss an die Feier gemacht werden.

Einige Zahlenhäuser und Leseübungen später wurde die Große also beglückt bei der Freundin abgesetzt, während die Kleine und ich einen relativ ruhigen Nachmittag verbrachten. Das für halb sechs angesetzte Ende der Party betrachteten die jungen Damen jedoch nur als Richtwert, und da auch alle anderen Gäste noch anwesend waren, sollte ich ihrer Meinung nach noch ein bisschen ratschen. Die Kleine bekam derweil noch eine Würstel-Semmel in die Hand gedrückt und stürzte sich zunächst ebenfalls ins Getümmel, und kurz darauf zweimal hintereinander auf den gepflasterten Hof.

Ein Machtwort später saßen also ein kleines brüllendes und ein etwas größeres und aufgedrehtes Kind im Auto, heimwärts. The husband, der zwei Stunden vorher „nur kurz zum Baumarkt“ wollte, war bei unserer Ankunft zuhause selbstverständlich noch nicht wieder zurück. Hervorragend.

Die  Große war also mit Müh und Not dazu bewegt worden, ihre Materialien auf den Küchentisch zu legen und dann beauftragt worden, ein Kissen zu holen, damit sie mit mehr als der Nasenspitze oberhalb des Tisches sein würde. Diese zwei Sekunden nutzte die Kleine dazu, mit einem gefüllten Glas in der Hand ebenfalls auf einen Stuhl zu klettern und den Inhalt des Glases schwungvoll über den Tisch zu schütten. Ich konnte das Schulmaterial gerade noch an mich reißen, die Überschwemmung auf Tisch und Boden war allerdings nicht mehr aufzuhalten.

In „bester“ Laune saßen wir schließlich am wieder trockenen Tisch: ich, Zähne knirschend, die Große, in Gedanken immer noch auf der Party, und die Kleine, die sich standhaft weigerte, sich ins Wohnzimmer zu begeben und zu spielen. Denn: Amanda, die sich selbst „Manda“ nennt, hat es sich momentan zur Lebensaufgabe gemacht, ihrer großen Schwester jeden Gesichtsausdruck, jedes Wort und jede Tat nachzumachen – und somit stand für sie fest: „Manda Dausaufdaben macha!“

Um inzwischen 18.17 Uhr wurde dann endlich „M“ um „m“ in Druckschrift aufs Papier gezittert, wobei sich das „Mitgebsel“ von der Party und die kleine Schwester, die nach den Schulstiften gierte, als große Ablenkungen erwiesen. Da sich der Baumarktbesucher immer noch nicht blicken ließ und Mandas Gekreische nach dem roten Stift immer lauter wurde, bekam sie (zwar unter Protest der Großen) schließlich das gewünschte Schreibgerät.

„Geht nimmer“, beschloss die Kleine nach eingehender Untersuchung des Holzstifts. Und während die Große und ich uns nun darauf konzentrierten, „Mama“ und „Mimi“ aufs Papier zu bringen, und dabei auch die Zeilen zu treffen, ergatterte die Kleine unbemerkt das Mäppchen, schaffte es, den „Seißvasuss“ zu öffnen, das gesuchte Objekt zu entnehmen und dann das in ihren Augen einzig Sinnvolle und Notwendige zu tun.

Während die Große den letzten Buchstaben der Hausaufgabe fabrizierte, erscholl es vom anderen Ende des Tisches vergnügt: „Fitzer hab i!“, bevor eben dieser, selbstverständlich zum Bersten gefüllt, aus den kleinen Händen rutschte, hinunter polterte, sich dort von selbst öffnete und den kompletten Inhalt an „Spitzer-Abfall“ mit einer eleganten Welle großzügig über den gesamten Küchenboden verteilte.

„Manda war i ned“, befand die Kleine, verzog sich schnellstens ins Wohnzimmer und gab keinen Mucks mehr von sich. „Bin oben“, verkündete die Große und verschwand ebenfalls blitzschnell.

Und während der Fitzer und ich in der plötzlich so ruhig gewordenen Küche sind, er kurz nach seiner Explosion und ich kurz vor meiner, öffnet sich in dieser Sekunde die Haustür, und ein vertrautes Gesicht, entspannt und glückselig nach einem ausgedehnten Besuch im Baumarkt fragt: „Is was?“

 

Fitzer

(Szene nachgestellt. Das Foto wird dem tatsächlichen Ausmaß an Chaos in keinster Weise gerecht…)

Foto: Mitterreiter-Dobray

 

Alle Jahre wieder: Silvester

Was man an besonderen Tagen erlebt hat, vergisst man nicht so leicht. Tage beispielsweise wie Silvester. Ich erinnere mich gut daran, Silvester mit meinem jüngeren Bruder zusammen bei unserer Oma verbracht zu haben. Wir waren noch klein, so klein, dass sich mein Bruder vor der von draußen hereinschallenden Geräuschkulisse fürchtete und von Oma getröstet worden musste. Um Mitternacht lagen wir längst im Bett, allerdings vor Aufregung schlaflos. Jahre später wartete ich mit einer Schulfreundin darauf, ob der Wechsel von 1999 auf 2000 tatsächlich alle Computer zum Absturz bringen würde. Mein erstes Silvester als Studentin verbrachte ich mit Fieberschüben, Infusionen und einem See von Selbstmitleid im Krankenhaus. Auch das letzte Silvester als Studentin ist mir im Gedächtnis geblieben. Nach einem Menü stießen wir über den Dächern von Regensburg auf das Jahr an, das vor uns lag, und wünschten uns gegenseitig Kraft fürs Examen und Mut für das Unbekannte, das danach kommen sollte. Wieder einige Jahre später war ich von den ersten Wochen der zweiten Schwangerschaft so erschöpft, dass ich trotz größter Willenskraft die Augen nicht bis Mitternacht offen halten konnte.

Der gerade hinter uns liegende Jahreswechsel versprach auf eine gute Art unaufgeregt zu werden. Mit guten Freunden kochen, essen, ratschen und um 24 Uhr anstoßen – das war angedacht. Und es verlief auch nach Plan: wir genossen unsere Zeit in der Küche, brachten dann die Kleine ins Bett, und schickten etwas später auch die Große hinterher. Kurz vor Mitternacht erschien sie sehr verschlafen wieder auf der Bildfläche, denn sie wollte das Feuerwerk sehen. Die Erwachsenen stießen mit Sekt an, ich warf einen Blick nach draußen, drehte mich wieder um, hörte noch ein Stimmchen „Mir ist schlecht“ sagen, stellte mein Glas schnell ab und lief unserer Großen hinterher. Und so verbrachten sie und ich die ersten Minuten des neuen Jahres über die Kloschüssel gebeugt, sie würgend und jammernd, ich ihre Haare haltend und ihren Rücken streichelnd.

„Das geht ja schon gut los“, dachte ich Zähne knirschend. Doch je länger ich nun darüber nachdenke, umso mehr vermute ich, dass ich irgendwann, wenn die Kinder an Silvester und auch sonst längst außer Haus sind, wehmütig daran zurückdenke, wie es war, als sie noch klein waren, und dann sage: „Weißt du noch, dieses eine Silvester damals, als wir unsere Neujahrswünsche noch gar nicht richtig gesagt hatten, und sich die Große übergeben musste?“ Und dann werden wir uns erinnern und leise in uns hineinlächeln.

Feuerwerk